Abschied nehmen

20170409_181142Letzte Woche saß ich im Auto auf dem Weg zum Sushi Restaurant, mein Freund auf dem Fahrersitz und hinter mir seine Mutter. Wir hatten einen langen Tag hinter uns und ich freute mich so sehr auf Sushi und eine kleine Geburtstagsfeier für einen guten Freund. 

20km vor dem Ziel geht mein Handy, meine Schwester schickt mir eine Nachricht über WhatsApp. Eine Minute Sprachnachricht um genauer zu sein. Aber ich höre nicht sie, sondern meinen Papa. Wie er meiner Nichte zum 3. Geburtstag gratuliert, für sie singt, viel zu hoch, über sich selbst laut lacht, wie er seine vertrauten Floskeln benutzt und am Ende ein fröhliches “Tschüüüss” in den Hörer trällert.

Dieses Jahr wird meine Nichte neun Jahre alt. Die Nachricht, aufgenommen von einem Anrufbeantworter, ist also fast sechs Jahre alt. Vor sechs Jahren war meine ganze Welt noch eine andere. Ich lebte in Köln, machte gerade meine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Mein Papa rief mich am Tag circa fünf mal an, einfach um zu hören wie es mir geht. Einfach, weil er mich vermisste. An den Wochenenden fuhr ich von Köln in die Heimat um meine Eltern zu besuchen. Mein Papa erwartete mich mit strahlenden Augen an der Wohnungstür. Jedes Mal. Jedes Mal bekam ich eine feste Umarmung. Auch vor sechs Jahren hatte er schon Schmerzen, aber es ging ihm gut. Wir lachten und liebten und waren glücklich.

Ich sitze im Auto und muss weinen, so sehr wie ich schon lange nicht mehr weinen konnte. Die Tränen strömen über mein Gesicht. Leise, ohne Schluchzen. Seine Stimme zu hören, sein Lachen, trifft mich mitten ins Herz. Am liebsten will ich die Nachricht wieder und wieder abspielen, aber hierfür möchte ich alleine sein. Nur ich und mein Papa.

Das Sushi schmeckt, ich bin froh von guten Freunden umrundet zu sein, aber meine Gedanken kreisen immer wieder um diese Sprachnachricht. Seine Stimme. Diese Sekunden, die ihn wieder zum Leben erwecken. Abends im Bett, als mein Freund unter der Dusche steht, da höre ich mir die Aufnahme an. Wieder und wieder.

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Schon seitdem ich ganz klein war, hatte ich Angst vor diesem einen Tag. Dem Tag an dem ich Abschied nehmen muss von ihm.

Meine Familie und ich warteten seit zwei Wochen auf den Moment, diese Zeit in der er gehen würde. Meine Schwester, mein Bruder und meine Mama in Deutschland. Ich in Südafrika. Es ist Samstag, der 28. Januar, meine Schwester ruft über Skype an, sie hat ihr Video an und sagt mir, dass sie glauben, dass er gerade geht. Er liegt seit 6 Monaten schmerzerfüllt im Bett.

“Willst du dich noch einmal verabschieden?”, fragt sie mich. Er schaut mir tief in die Augen. Antworten kann er nicht. Aber ich sehe die Tränen in seinen Augen. Und er lächelt.

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Danach schläft er ein. Ich schaue ihn noch eine ganze Weile an. Er atmet laut und gleichmäßig. Wir wissen nicht, ob er heute gehen wird, aber wir hofften es für ihn. Mein Telefon bleibt den ganzen Tag still.

Zur Ablenkung besuchen wir diesen Abend Freunde, ich trinke ein Glass Wein und ein zweites und ein drittes… Um 3 Uhr nachts tanze ich auf einem Tisch, meinen Papa in Gedanken, aber ich möchte das Leben feiern. Den Moment genießen. Ich denke an die tausend schönen Momente mit ihm. Um 4 Uhr falle ich ins Bett, erschöpft und betrunken.

Sonntag, 6 Uhr morgens, ich wache nach nur 2 Stunden Schlaf erschrocken auf. “Wo ist mein Handy? Warum habe ich letzte Nacht nur so viel getrunken? Was wenn jemand versucht hat mich zu erreichen? Wo ist mein Handy nur?”

Ich finde es nach 10 Minuten wilden Suchen hinter unserem Toaster. Wie es dort hingekommen ist, weiß ich nicht mehr. 5 vermisste Anrufe von meiner Mutter, seit 5 Uhr. Ich rufe sofort zurück. “Ist er gegangen? Ist Papa tot?” – “Er ist nicht mehr aufgewacht, nachdem wir uns verabschiedet haben. Um 2 Uhr war er noch am atmen. Um 3 Uhr nicht mehr. Er ist friedlich gegangen, Anke.”

Buff. Peng. Knall. Da sitze ich nun. Rede noch ein paar Sekunden mit meiner Mama und lege den Hörer auf. Da war er, der Tag vor dem ich immer Angst hatte.

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Warum erzähle ich euch das? Etwas so persönliches? 

Ich hatte sehr viel Zeit mich auf den Tod meines Papa’s, diesen einen Tag, vorzubereiten. Ich hatte das große Privileg mich zu verabschieden. Viele Male.

In den sechs Monaten, die er in seinem Krankenbett lag, flog ich drei Mal nach Deutschland um zu helfen, um bei ihm zu sein. Das ich am Ende nicht bei ihm war, werde ich mir nie wirklich verzeihen. Ja, ich würde es anders machen wenn ich die Chance noch einmal bekommen würde.

Ich setzte mich jeden einzelnen Tag mit dem Tod auseinander, nachdem seine Situation sich so verschlechtert hatte. Ich lernte über die verschiedenen Phasen der Trauer. Ich durchlief das “nicht wahrhaben wollen” & “die Wut” schon bevor er eigentlich starb. Ich lernte von unterschiedlichen Kulturen über die verschiedensten Wege Abschied zu nehmen. Ich entschied mich, dass ich diesen Tag feiern möchte. Sein Leben feiern will.

Aber eines das fehlte mir. Verständnis. Die Worte von jemanden zu hören, der durch das gleiche gegangen ist. Von einer Person, die schon gelernt hat, was der Tod mit dir macht. 

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Es hilft sehr sich online Artikel durchzulesen, oder vielleicht ein Buch zu kaufen, dass sich mit dem Thema beschäftigt. Man lernt, was da eigentlich passiert in deinem Kopf, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Warum wir so ganz theoretisch und physisch und psychologisch reagieren, wie wir es tun. Aber der Tod ist viel mehr als Wissenschaft.

Menschen reden nicht gerne über den Tod. Reißen alte Wunden nicht gerne auf. Haben das Gefühl, dass es sich nicht gehört Trauer nach draußen zu tragen. “Irgendwann ist es ja auch einmal gut!” Menschen leiden gerne alleine und einsam.

Ich wünschte mir so sehr, dass Menschen offener für den Tod sind, etwas das uns ALLE irgendwann einmal betreffen wird. Ich wünschte mir, dass Tod uns nicht sprachlos macht, sondern zusammenbringt. “Mein Beileid.” Was heißt das überhaupt? Warum nur diese zwei Worte? Warum nicht Erfahrungen teilen und Trost spenden? Ich habe mich geärgert, dass Tod so ein absolutes Tabu Thema ist.

Dieser Beitrag ist für alle, die einen Menschen verloren haben, oder Angst davor haben irgendwann Abschied zu nehmen. Du bist nicht alleine!

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Ich hatte also Angst vor diesem Tag. So viel Angst, dass der Tod für mich dieser eine Tag bekam. Ich hatte mich darauf vorbereitet, so gut wie ich konnte. Ich fragte mich oft wie der Tod Menschen treffen muss, die sich nicht vorbereiten durften. Einfach so. Wut und Ohnmacht zu erleben, wenn der Mensch schon gegangen ist.

Seinen Todestag verlebte ich verkatert, aber so schön es ging. Wir hatten Sonnenschein in Pringle Bay, ich nahm ihn mit auf eine Wanderung, zeigte ihm den Strand und die Berge. Am Abend erlebte ich den schönsten Sonnenuntergang den ich in Pringle Bay bisher gesehen habe.

Heute bin ich dankbar, dass ich an diesem Tag nicht in Deutschland war. Das ich genau so Abschied nehmen durfte, wie ich es mir gewünscht hatte. Froh und farbenfroh. In Deutschland wäre dies unmöglich gewesen für mich.

Heute, fast sechs Monate später, begreife ich, dass ich nicht vorbereitet war. Nie. Tod ist nicht dieser eine Tag an dem ein geliebter Mensch geht. Tod ist auch dein Leben nach diesem Tag, ohne diesen geliebten Menschen an deiner Seite.

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Was ich getan habe ich den letzten sechs Monaten:

Ich habe verdrängt. Bin in meinen Alltag eingetaucht, habe mich abgelenkt, gelacht und habe Spaß gehabt. Ich wollte glauben, dass es das ist, was er für mich wollen würde. Aber ich hatte einfach nur Angst, vor diesen vielen Gefühlen, die in mir brodelten.

Ich habe ihn weiterleben lassen. In Geschichten und Erzählungen. In meinen Träumen. Manchmal hatte ich das Gefühl ich rede zu viel über ihn.

Ich habe wieder verdrängt, wenn ich auf dem Weg der Besserung war. Ich habe Verzweiflung gespürt. Ich habe mich schuldig gefühlt. Ich habe ihn so sehr vermisst, dass mein Herz nicht mehr schlagen wollte.

Ich habe ihn vergessen. An manchen Tagen ging es mir so gut, dass ich nicht an ihn denken musste. Abends, im Bett, fiel mir dann auf, dass ich heute nicht an ihn gedacht habe und ich fühlte mich wieder schuldig.

Die Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen ist eine Achterbahnfahrt. Eine verschleppte Grippe. Eine Comedy-Show voller schlechter Witze.

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Letzte Woche lag ich also in meinem Bett. Ich hörte seine Stimme. Sein Lachen. Ich hörte ihn 20 mal “Hoch sollst du leben..” singen. Ich hörte wie sehr er das Leben liebte. Und ich weinte, eine ganze Nacht.

Diesen Blogpost hatte ich schon einmal geschrieben und nun musste ich ihn wieder löschen. Denn am nächsten Morgen hatte ich mir verziehen. Ich hatte mir verziehen, dass ich nicht da war an diesem einen Tag. Ich hatte akzeptiert, dass er nur noch in meinem Herzen weiterleben kann. Ich hatte akzeptiert, dass er immer Teil meines Lebens sein wird und der Schmerz da ist und immer da sein wird und das es gut ist.

Der Tod ist brutal. Egal ob er unerwartet kommt, oder man auf ihn wartet. Er kann dich zerreißen, dich in die dunkelsten Gassen deines Ich’s entführen, er zwingt Felsen in die Knie und er ist nie-nie-nie fair.

ABER. Wichtig ist, dass wir verstehen, dass wir stark sein können und dürfen. Der Tod trifft uns alle. Aber das Leben geht weiter. Auch wenn es vielleicht für eine zeitlang rückwerts läuft. Irgendwann ist da Licht und wir können wieder atmen. Ich bin mir sicher, dass dieser Weg für jeden unterschiedlich verläuft, aber am Ende muss diesen niemand alleine gehen, wenn er Hilfe annimmt und Gefühle zulässt.

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Der Tod ist eine Erinnerung daran, dass alles vergänglich ist. Das wir jeden Tag so leben sollten, als wäre es der Letzte. Praktisch ist das unmöglich. Nicht jeder Tag kann Sonnenschein sein. Nicht jeden Tag sagen wir den geliebten Menschen in unserem Leben, wie sehr wir sie doch lieben und schätzen. Wir streiten, wir sind unzufrieden, wir sagen unüberlegte und verletzende Worte. Wir stecken vielleicht in einem Job, den wir nicht mögen. Wir verschwenden vielleicht zu viel Zeit online oder vor dem TV. Nicht mmer schätzen wir, was wir haben. Wir sind Menschen. So leben wir halt.

Aber jeder Mensch der uns verlässt, der lässt auch etwas zurück. Liebe, Eigenschaften, Geschichten, die wir auffangen und aufnehmen dürfen, die wir in unseren Herzen weiterleben lassen dürfen und die uns am Ende des Tages zu einem besseren Menschen machen. Die uns am Ende des Tages immer wieder daran erinnern, wie wertvoll unser Leben ist. Die Menschen, die uns verlassen, die sitzen in unserem Kopf, wie ein kleines Äffchen mit einer Trommel, dass immer dann anfängt Lärm zu machen, wenn wir vergessen zu leben, zu lachen, dankbar zu sein, zu lieben. Sie sitzen in unserem Kopf und machen unser Leben etwas lebenswerter. Begleiten uns.

Der Tod ist nicht einfach. Er schmerzt. Er lässt uns aber auch wachsen, wenn wir es zulassen und kann ein Teil von uns werden, den wir akzeptieren lernen dürfen!

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