Von 0 auf 90

18209349_1566579536688453_1577083329110525747_oDer erste Versuch

Ich kann mich noch so gut an den Tag erinnern, als ich damals in Köln das erste Mal joggen ging. Nach dem ersten Kilometer bekam ich Seitenstiche und Atemnot. Mein Laufpartner musste laut lachen. Auch werde ich den Tag nie vergessen, wie ich wenige Wochen später mit meinem Laufpartner das erste Mal zehn Kilometer am Stück lief. Ich war stolz. Zehn Kilometer ohne Gehpause oder Anhalten. Ich hätte das nie für möglich gehalten.

Trotzdem war da etwas am Laufen, das ich einfach nicht mochte. Diese Zeiten. Dieses messen und vergleichen. Am Anfang war ich nicht besonders schnell, am Rhein zogen viele Läufer locker an mir vorbei. Ich setzte mich bei vielen Trainingsläufen unnötig unter Druck, wollte schneller werden, besser werden, anstatt das Laufen zu genießen wurde es ein neuer Stressfaktor in meinem Leben. Ich verlor den Spaß und hing meine Laufschuhe wieder an den Schnürsenkel.

Reisen und Hiking

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Dann entdeckte ich auf meinen Reisen wünderschöne Berge und Hikingtrails. Nach Malaysia, Neuseeland, Französisch Polynesien und Peru hatte mich das Hiking Fieber endgültig gepackt. Ab diesem Punkt erkundigte ich mich in jedem Land erst nach den schönsten Hiking Routen und den höchsten Bergen.

INSPIRATION

Tyl lernte ich schließlich in Wilderness in Südafrika kennen. Er war dort für ein 80km Trail Race. Trail Race? Es war das erste Mal, dass ich davon hörte und auch war es das erste Mal, dass ich jemanden traf, der eine solche Distanz rennt oder rennen kann. Ich war ENORM beeindruckt. Auf meiner Bucket List stand ein Marathon, 42km auf der Straße, aber 80km Trail Race, das hörte sich einfach nur verrückt an.

In unserem ersten Gespräch schaute ich also in seine strahlenden Augen und hörte ihn reden von tausenden Höhenmetern, gefährlichen Pfaden, Steine und Wurzeln auf den Wegen, Wasser trinken aus Quellen und Flüssen. Ich war fasziniert. “Das könnte ich nicht!”, sagte ich damals noch laut.

Zurück in Deutschland nach meiner Weltreise war ich inspiriert. Ich ging also am ersten Tag in der Heimat direkt zwei Punkte auf meiner Bucket List an:

1. Gitarre spielen lernen und 2. Marathon oder wahlweise einen Trail Marathon laufen.

Alles nur im Kopf!

Mit meiner Gitarre machte ich schnelle Fortschritte und komischerweise auch beim Laufen! Jeden Tag hatte ich Tyl am Telefon/ Skype und hörte von seinem Training. 21km noch vor dem Frühstück. Spontan nahm er Teil an Marathons und an seinem ersten Sky Race (50 km laufen in extremer Höhe).

In meinem Kopf passierte in dieser Zeit etwas wunderbares. Meine Grenzen im Kopf verschoben sich. 21km hörten sich plötzlich normal an und nicht mehr unmöglich!

Ich verlegte mein Training komplett in den Wald und auf die Hügel im Sauerland. Nach zwei Wochen lief ich das erste Mal 15km. Ich genoss jede Sekunde, entdeckte neue Wanderwege im Sauerland und fühlte mich so gut wie noch nie. Wenn ich abends müde ins Bett fiel, dachte ich schon über die Laufroute von morgen nach. Naja. Bis ich es natürlich übertrieb. Ich übertreibe Dinge gerne. Laufen ist für mich wie Pommes essen. Ich kann nicht aufhören. Bis zum Kotzen.

Ich verletzte mich und musste pausieren. Als ich in Südafrika ankam war ich so überwältigt von vielen Dingen, dass ich keine Routine finden konnte. Ich brauche Routine wenn ich trainieren will. Tyl lief also weiterhin Halbmarathon vor dem Frühstück, während ich im noch im Bett lag.

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Mein erster Hike auf den Tafelberg brachte dann neue Inspiration. Ein zweiter Hike auf den Lions Head machte mich hungrig. Während Tyl trainierte und den Tafelberg 4 mal bestieg und umrundete kletterte ich über die Trails und genoss die unglaubliche Landschaft und atemberaubende Aussichten.

Für Tyl kam dann ein großer Tag in 2015, sein erstes 100km Trail Race in Hogsback, The Hobbit. The Hobbit oder auch der Amathola Hiking Trail ist eigentlich ein 6 Tage Hike mit 5 Übernachtungen in den Bergen, weit entfernt von jeder Zivilisation. Seine Verpflegung trägt man mit sich, Wasser wird aus den etlichen Quellen und Wasserfällen geschöpft. Dieser Hike ist einer der härtesten in Südafrika und wird von nicht vielen Wanderern bezwungen. Zum Trail Race traten 30 erfahrene Spitzenläufer an. Tyl lief diese Strecke nun in 2 Tagen, in unter 15 Stunden.

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Nachdem ich die Fotos bei der Preisverleihung am Abend sah und die Aufnahmen die Tyl während des Laufs gemacht hatte, wollte ich es auch sehen. Wir entschieden uns den Hike in sechs Tagen zu bestreiten. Drei Tage nach Tyl’s  Rennen machten wir uns nun mit improvisierten Gepäck auf den Weg. Es war hart. Es war nass. Es war definitiv eine Herausforderung für mich. Aber IT WAS SO WORTH IT! Jeden Tag sagte ich etliche Male “Wie konntest du das nur in zwei Tagen bewältigen? Wie kann man hier nur laufen? ICH KÖNNTE DAS NIE!”

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Zwei Jahre später, am gleichen Datum stand ich morgens um 4 Uhr in Hogsback am Arminel Hotel und wartete darauf, dass der Bus uns endlich zu unserem Startpunkt nach Maiden Dam fährt. Vor sechs Monaten hatte ich mich angemeldet zum “90km Journey, The Hobbit”. Aus Sicherheitsgründen wurde der Trail leicht verkürzt, aber es handelte sich um den gleichen Lauf. Die gleichen Berge, die mir vor zwei Jahren noch solchen Respekt einflößten.

Was war passiert?

Ein Neustart

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Vor 1,5 Jahren zogen wir nach Pringle Bay. Ich hatte die Berge nun vor der Haustür. Vor einem Jahr hatten wir unseren ersten Hund adoptiert. Ich ging regelmäßig in die Berge. Alleine oder zusammen mit Tyl. Die Natur wurde ein Teil von mir.

Ich versuchte immer häufiger kurze Strecken auf unseren Hikes auch zu laufen. Und es machte Spaß! Ich genoss es im Moment zu sein. Über nichts anderes nachzudenken, als deinen nächsten Schritt. Und ich fand ein unentdecktes Talent in meinen stämmigen Waden. Es schien, dass mein Körper einfach gemacht ist für Trail Running.

Ein Game Changer war dann eine kleine App. Freeletics. Ich entdeckte sie auf dem Instagram Account einer alten Schulkameradin. Es begeisterte mich wie begeistert sie von diesem Program war! (Hallo Caro!) Bei Freeletics geht es um Bodyweight Training, dies hatte ich vorher auch schon in mein Training eingebunden, aber endlich war es auch richtig effektiv. Freeletics machte mich schnell stärker und schneller. Ich hörte irgendwann auf die App zu nutzen, aber sie war ein perfekter Einstieg für mich! (Keine Werbung, nur eine Empfehlung von Herzen!)

An den Wochenenden verbrachten wir nun immer mehr Zeit in den Bergen und ich war endlich bereit mich für meinen ersten Trail Run anzumelden. “Warum nicht The Hobbit im nächsten Jahr, Anke?”, fragte Tyl mich. “Es sind noch sechs Monate, das schaffst du locker.” – THINK BIG

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DIE ENTSCHEIDUNG

Ich stimmte zu. 90km auf einem Hiking Trail, der mich vor zwei Jahren noch so eingeschüchtert hatte. Ich hatte Angst. Aber ich war auch gespannt und neugierig ob ich das wirklich packen könnte.

EIN NEUER TRAUM WAR GEBOREN!

Tyl kümmerte sich also um meine Bewerbung. Für dieses Rennen kann man sich nicht einfach anmelden. Man muss ausgewählt werden. Man muss Lauferfahrung vorweisen können. Die Organisatoren wollen hören, dass man mindestens einen Ultra Trail gelaufen ist (Also über 45km in den Bergen) und gewisse andere Trail Races absolviert hat. Tyl flunkerte mich also in das Rennen.

Die kommenden sechs Monate waren turbulent. In meinem Leben passierte viel. Insgesamt reiste ich vier Mal nach Deutschland und einmal nach Brasilien und ein Alltag stellte sich nicht ein. Nachdem mein Papa verstarb, drei Monate vor dem Rennen, stellte ich das Laufen ein für über einen Monat. “Im Moment sein” wurde zu schmerzlich.

Ich hatte jetzt noch circa sechs Wochen Zeit und in diesen sechs Wochen gab ich alles. 20 bis 30km vor dem Frühstück, fünf bis sieben Stunden in den Bergen am Wochenende. Tyl hatte ich sich vor fünf Monaten verletzt und trainierte seitdem garnicht. Er wollte trotzdem antreten und mich beim Hobbit nicht alleine lassen.

THE HOBBIT

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3 Tage vor dem Rennen machen wir uns auf den Weg. Unser Gepäck ist schwer. 1000km bis nach Hogsback. Während dem Rennen muss man gewisse Ausrüstung mit sich tragen, dieses wird an Check Points überprüft. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Laufrucksack oder Camelback mit 2 Liter Trinkblase
  • Kopftaschenlampe
  • Batterien
  • Wasserdichte Jacke
  • Thermo Longsleeve und Thermo Hose
  • Erste Hilfe Kästchen
  • Rettungsdecke
  • Trillerpfeife
  • Kompass
  • Karte mit Laufroute
  • Notfallhandy
  • Verpflegung für 2 Tag

So ein Laufrucksack wird also schnell schwer. Die Fahrt bis nach Hogsback dauert 12 Stunden und ich werde nervös. So richtig nervös. In einer Hand halte ich meine Trinkflasche, weil man sich in den Tagen vor dem Lauf “volllaufen” lassen soll. So gibt es alle 150km eine Pinkelpause.

Als wir endlich in Hogsback ankommen ist mein Stresslever irgendwo auf 1500. Dabei geht es erst in 36 Stunden los (ja, ich zähle nun die Stunden). Am Abend fängt das “Carbo loading” an. Kohlenhydrate. Ich liebe sie! Wir bestellen und also eine Pizza und treffen lauter nette Leute im Backpacker (Jugendherberge) in dem wir eingecheckt haben.

Hogsback ist winzig und liegt versteckt in den Bergen des Eastern Capes. Neben ein paar Hotels und einem Backpacker gibt es hier nur Wald. Die Menschen sind leider so nett, dass wir erst nach vielen Flaschen Wein morgens um 4 Uhr ins Bett fallen.

NOCH NIE habe ich etwas so sehr bereut. Ich verbringe den Tag vor dem Lauf also mit einem riesen Kater, mit der schlechtesten Laune, renne alle 30min aufs Klo und will eigentlich nur wieder nach Hause. Tyl hat es heute nicht leicht mit mir.

Am Abend steht das “Race Briefing” an. Wir bekommen unsere Übernachtungstaschen in die wir Schlafsack und Laufsachen für Tag 2 packen und unsere Laufnummer. Wir lernen ein paar der anderen Teilnehmer kennen und werden von den Organisatoren durch die Strecke geführt. Tatum, unsere Hauptorganisatorin, macht eins sehr klar: Es kann gefährlich werden, wenn man da draußen nicht auf sich aufpasst.

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Hier ein kleiner Auszug der Dinge, die mir im Kopf geblieben sind:

  • Benutzt euer Handy nicht für Fotos. Es muss 2 Tage durchhalten. Wenn euch etwas passiert, dann versucht Empfang zu finden, bleibt ruhig und ruft an. Solltet ihr hysterisch sein, dann legen wir auf und ihr ruft an wenn ihr euch beruhigt habt.
  • Hilfe ist weit entfernt. Es kann bis zu 7 Stunden dauern bis wir euch finden und bei euch sein können. Nutzt eure warmen Anziehsachen und die Rettungsdecke. Bleibt wach.
  • Wenn euch etwas passiert, fragt euch als erstes “Wie schlimm ist es?”. Wenn der Schmerz von 1 bis 10 unter 5 bleibt, dann lauft weiter. Ihr müsst es aus den Bergen heraus schaffen. Gebt nicht auf!
  • Passt auf euch auf. Ihr seit für euch selbst verantwortlich. TRINKT! STAY HYDRATED! ESSEN NICHT VERGESSEN!

Die Gespräche mit den anderen Teilnehmern drehen sich hauptsächlich um die vielen anderen Läufe die sie bereits absolviert haben. 100km, Sky Runs, Adventure Races über 300km. Unsere Organisatorin Tatum hat vor zwei Wochen erst das “härteste Rennen der Welt” bestritten und ist über 400km als zweite Person ins Ziel gelaufen.

Tyl begrüßt alte Bekannte und ich rede nicht viel und höre zu und staune. Den ersten Mitstreitern erzähle ich, dass dies mein erstes Trail Race ist und sie sind sehr erstaunt.

TAG 1

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Der Wecker klingelt um 3 Uhr in der Nacht. Wir machen uns fertig. Packen Taschen und sitzen um 4 Uhr im Bus, der uns zum Startpunkt bringt. Im Sitz vor uns sitzen die Erasmus Brüder. Beide rennen für und sind gesponsert von Salomon und sie treten an um zu gewinnen. So einfach ist das. Während der 1,5 Stunden Fahrt bringen sie mich mit ihren Geschichten von Abenteuern so sehr zum Lachen, dass ich vergesse wie nervös ich bin.

Am Startpunkt angekommen verschwinden alle in Büschen und hinter Bäumen um noch ihr morgendliches Geschäft zu erledigen. Ich kann nicht. Ich bin zu nervös. Nach 10km im Rennen bereue ich es sehr.

Es geht also los. Nach ein paar Fotos fällt der Startschuss. Es ist 6:45 Uhr und noch immer dunkel. Erst jetzt merke ich, dass Tyl auch nervös ist. Natürlich! Er ist das letzte Mal vor fünf Monaten gelaufen! Wir gehen es also langsam an, wir wissen wie schnell man sich in diesen Wäldern verlaufen kann und wollen unsere Energie nicht zu Beginn verpulvern. Außerdem weiß ich nicht wie mein Körper ab der 30km Marke reagieren wird und wie mein Körper sich an Tag 2 anfühlen wird.

Es läuft super. Ich kann es kaum glauben. In meinem Kopf sage ich mir immer wieder “Take care of yourself. Drink and eat. One step at a time. You can do this.”

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Nach 10km bin ich in einem Rythmus und wir erreichen unseren ersten Check Point, Gwili Gwili Hut. Hier tragen wir uns das erste Mal in eine Liste ein und sehen, dass wir an Position 10 liegen. Sehr komisch, da wir mit Absicht hinten gestartet sind und bisher niemanden überholt haben. Es stellt sich heraus, dass sich die meisten Läufer bereits nach 2 Kilometern verlaufen haben! Es gehört zum Lauf dazu, wir müssen unsere Route selbst finden.

Nach dem ersten Stopp fliegen meine Beine von alleine über Steine und Flüsse und Wurzeln und meistern auch die steilen Anstiege perfekt. Ich kann endlich grinsen und es genießen. Es hat mir auch geholfen, dass ich endlich hinter einem Busch verschwinden konnte!

Nach 21 Kilometern kommen wir zu einer kleinen Straße in den Bergen. Hier warten die Organisatoren auf uns, klatschen und feuern uns an. Wir haben die erste Cut Off Time locker geschafft. Nun wird es steiler und wir verbringen Stunden damit Wasserfälle hochzuklettern und durch dichte Wälder zu hiken. Laufen ist kaum möglich. Die ersten Top Läufer ziehen an uns vorbei. Sie hatten extra 5km an ihre Strecke gehangen.

Einen weiteren Stopp erreichen wir nach 26km, wir tragen uns wieder in eine Liste ein, die in Dontsa Hut auf uns wartet. Die 30km Marke kommt näher für mich.

Und die 30km Marke kommt! Und ich fühlte mich noch immer frisch und super. Auch wenn die Anstiege steiler werden und das Gelände anspruchsvoller, ich genieße die Aussichten und die unbeschreibliche Natur. Tyl läuft immer wenige Meter hinter mir. Es fühlt sich bereits jetzt wie ein kleiner Gewinn an.

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Bei Kilometer 40 treffen wir die Organisatoren wieder. Auch die letzte Cut Off Time haben wir geschafft und ich werde langsam etwas emotional, ich stehe kurz vor meinem ersten Trail Marathon. Unsere Ausrüstung wird noch überprüft und es geht weiter. Nur noch 5km. Wir werden noch gewarnt, dass es noch einmal steil wird und die Front Runner (die schon seit vielen Stunden im Ziel sind) für diese 5km circa 1,5 Stunden brauchen. Wir also circa 3.

Nun soll ich erfahren, was Läufer meinen wenn sie sagen “I was in a very dark place.”

Ich habe plötzlich schmerzen. Überall. 3 Stunden für 5 km? Ich will einfach nur noch ankommen. Eine kalte Dusche genießen, etwas essen und schlafen. Ich bin müde. So müde. Mein Kopf will nicht mehr richtig. Ich hatte es schon so weit geschafft, es ist weit genug. Tyl schreit mich nun an. “Reiß dich zusammen. Wir sind fast da!”

“We’re almost there!” höre ich nun für die nächsten 8km. Was uns als 5km angekündigt wurde, sind eigentlich viel mehr. Vielleicht haben wir uns auch verlaufen. Der Anstieg ist steilt. Matschig. Rutschig. Angsteinflößend. Die letzten 3km fühlen sich an wie 20. Die 42km Marke verpasse ich. Wird auf einmal ganz unwichtig. Ich denke darüber nach mich hier und jetzt hinzulegen und nur für ein paar Minuten die Augen zu schließen. Aber wir gehen weiter.

Plötzlich können wir in der Ferne Cata Hut (unsere Nachtunterkunft) sehen und zwei große Merrell Flaggen am Ziel.

Ich vergesse alle Schmerzen. Kann wieder laufen. Wieder lachen. Ich freue mich so sehr. Ich habe es fast geschafft! Und ich realisiere, dass der Schmerz und die Müdigkeit nur in meinem Kopf existierte!

3 Tage Amathola Hiking Trail, 48km in 11 Stunden. Als wir gemeinsam durchs Ziel laufen hüpfe ich vor Freude! Tyl ist so stolz, dass er der Organisatorin Tatum sagt “And this is her first trail race ever!”.

Tatum fragte mich ob das stimmt und ich nickte und bekomme eine besonders feste Umarmung. “Das ist unglaublich”, sagt sie noch.

Mein Highlight des Tages: Es gibt noch warmes Wasser für uns! Mit einem Feuer hatten sie es warm gehalten. Es ist die beste Dusche meines Lebens!

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Diese Nacht verbringen wir in unseren Schlafsäcken unter den Sternen. Mit aufgequollenen Füßen und schweren Beinen und einigen Schürfwunden an Rücken und Armen und Beinen. Und unheimlich stolz. Tag 2 macht mir schon viel weniger Angst.

TAG 2

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Tag 2 verläuft ähnlich. Außer: Tyl ist sich sehr sicher, dass Tag 2 einfacher ist. Er kann sich daran noch sehr gut erinnern. An diesem Gedanken halte ich mich fest und wundere mich über die ersten 5km die ohne Pause bergauf gehen. Tyl hat hinter mir zu kämpfen. Seine alte Verletzung am Knöchel meldet sich wieder und ihm fehlt heute etwas Energie. Heute muss ich stark sein!

Der Tag trägt uns durch eine noch schönere Landschaft aber ist deutlich anspruchsvoller als Tag 1. Wir passieren mehrere Stellen die gefährliche Klippen in die Tiefe aufzeigen und überqueren gefühlte 1000 Wasserfälle. Wir wissen, dass der höchste Berg ganz am Ende auf uns wartet. Mein Kopf möchte wieder in diesen “dark spot” versinken. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass heute einfacher wird, dass wir heute schneller im Ziel sein würden.

Heute schaffen wir die letzte Cut Off Time nur knapp. 7 Teilnehmer sind ganz raus und dürfen einen einfacheren Trail um den Berg herum laufen. Viele Passagen müssen wir gehen, da Tyl mittlerweile jede 30 Minuten Schmerztabletten lutscht. Der letzte Anstieg hat es in sich. Ich versuche alles um nicht wieder in diesen “dark spot” in meinen Kopf zu verfallen. Es fällt mir schwer. Es ist unbeschreiblich welche Gedanken einen in diesen Minuten und Stunden begleiten. Hier entscheidet sich wer es schafft und wer nicht. Es ist auch der Punkt, an dem ich realisiere, dass sich Trail Running viel mehr um mentale als physische Stärke dreht.

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Die Sonne senkt sich und geht schließlich unter. Auf den letzten 4km müssen wir unsere Kopftaschenlampen wieder aufziehen. Es ist düster. Richtig düster. Plötzlich springt etwas aus den Bäumen auf den Trail. Ein riesiger Affe. Und dutzende andere Affen sitzen in den Baumkronen. Ich bleibe stehen und leuchte ihm direkt ins Gesicht. Für ein paar Sekunden stehen wir einfach da. Ich packe einen Stock, der neben mir im Gebüsch liegt. Helfen würde er wohl nicht. Der Affe entscheidet sich schließlich, dass wir langweilig aussehen und springt laut brüllend zurück in einen Baum. Ich hätte mir fast in die Buchse gemacht. Die Dunkelheit alleine macht mir Angst. Jetzt muss ich positv bleiben. Ich verstehe was sonst passiert. Ich fange an zu singen “In the jungle the mighty jungle the lion sleeps tonight….” Wir müssen beide lachen.

ZIELEINLAUF

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300 Meter vorm Ziel möchte ich weinen! Das Gefühl es geschafft zu haben ist noch immer unbeschreiblich. Ich nehme Tyl’s Hand und halte sie fest und fange an zu sprinten, ziehe ihn hinter mir her. Im Ziel steht Tatum mit einem Mikrofon und fängt an laut zu jubeln als sie uns sieht. Dutzende Teilnehmer und ihre Familien stehen am Arminel Hotel und freuen sich mit uns! WIR HABEN ES GESCHAFFT!

93km durch Freude und Schmerz und Glück und Angst und Freundschaft und Liebe!

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Bei der Preisverleihung später am Abend bin ich müde und überrascht, dass ich noch laufen kann. Als Tatum mir meine Medaille überreicht erwähnt sie vor allen Läufern, dass dies mein erstes Event war. Später fragt sie mich und Tyl wie ich es überhaupt ins Teilnehmerfeld geschafft habe. “Ich habe bei ihrer Bewerbung gelogen. Aber ich wusste, dass sie es schafft und stark genug ist!” Tatum lacht und gratuliert uns noch einmal. Sie mag diesen Sportsgeist und ich schäme mich ein wenig. Aber nur für ein paar Sekunden. Der Stolz überwiegt heute! Diese Lüge hat sich gelohnt!

32 Teilnehmer, Platz 22. Etwas unter 23 Stunden, die wir in den Bergen auf den Spuren der Hobbits verbracht haben und unendlich viele Dinge, die ich über mich und den Sport und das Leben gelernt habe. Von 0 auf 90, meine Geschichte! Und ich bin mir sicher, wenn ich das kann, dann kann das jeder! Auch DU!

 

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