Binationale Beziehung oder “Verrückt werden an der Seite eines Südafrikaners”

IMG_0464

Es hört sich so romantisch an, “Wir lernten uns in Wilderness am Lagerfeuer kennen”.

Es fing auch alles sehr romantisch an. Drei wundervolle Abende voller Schmetterlinge und Feuer und dann sagten wir Auf Wiedersehen, tauschten Email Adressen aus. Ich machte mich auf den Weg, 400 km weiter um auf Safari zu gehen, am Abend komme ich erschöpft im Hostel an und da warten Blumen und ein Kuschelbär auf mich.

“Der Typ ist wohl noch nie mit einem Backpack gereist”, denke ich und schleppe ab diesem Zeitpunkt einen riesen Blumenstrauß mit mir in Bussen und Flugzeugen, den ganzen Weg in meine Heimat nach Deutschland. Blumen und Kuscheltier sind süß und über dieses “Unwissen des leichten Reisens mit Backpack” sieht man gerne hinweg, aber irgendwann musste ich realisieren, dass es noch viel mehr Unwissen gab. Auf beiden Seiten.

Drei Monate später saß ich wieder in einem Flugzeug zurück nach Kapstadt, auf in mein neues Leben und in meine neue Beziehung, die bis dahin mehr oder weniger virtuell ablief. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Mann mich einfach versteht!

_MG_8151

Tat er nicht.

Und ich ihn nicht. In den ersten zwölf Monaten prallten unsere Kulturen aufeinander, unser grundlegendes Verständnis von Mann und Frau, zwei Welten, die nicht unterschiedlicher sein konnten.

Ich fange vorne an. Mit den kleinen Dingen.

In einer Beziehung ist man dann glücklich, wenn man selbst glücklich ist. Das ist meine Meinung. Und oh Gott, ja ich war glücklich und so bereit für dieses neue Abenteuer! Ich war selbstbewusst und hatte das Gefühl, dass mich nichts stoppen kann. Auf der linken Straßenseite fahren? Kein Problem! Bis ich irgendwann zu früh über eine Kreuzung fuhr. Rechts vor links, weiß doch jedes Kind! Nicht in Südafrika! First come, first serve. Danach lief ich zahlreiche Male zu früh auf die Straße, weil hier ist es “rechts – links – rechts”. Ja, damit kann man ja noch leben. Diese kleinen Fehler schlichen sich allerdings durch meinen Alltag.

Danke sagen. Natürlich lernen wir alle uns zu bedanken. Das gehört dazu, ansonsten ist man unhöflich. Ich dachte ich bin dankbar und höflich, bis ich nach Südafrika zog. Hier bedankt man sich für alles. ALLES. Und am besten bedankt man sich nicht nur einmal. Und nur ein Danke ist nicht genug. Die meisten Dinge weiß man sogar sehr zu schätzen. Und das sagt man auch so. Am Ende eines jeden Telefonats zum Beispiel. “Thanks a mil for your time. I really appreciate it.” Und ein Pärchen in Südafrika verbringt viel Zeit damit sich gegenseitig zu danken. Nichts ist selbstverständlich. Da ist nicht einmal ein Wort in Englisch, das selbstverständlich wirklich beschreiben würde. So fühlte ich mich manchmal unwohl, wenn er nicht aufhörte für jeden Furz danke zu sagen und er fühlte sich nicht wertgeschätzt, weil ich nicht genug Danke sagte.

IMG_0400

Meinen Tiefpunkt erreichte ich, als einfache Telefonate, Kommunikation für mich zum Horror wurde.

Südafrika, ein Land voller Kulturen und Akzente. Auch wenn mein Englisch jeden Tag besser wurde, meine große Stärke – kommunizieren – wurde fast unmöglich. Ohne Mimik und Handzeichen, am Telefon war ich aufgeschmissen. Ich verstand kaum ein Wort und oft legte ich einfach auf aus Verzweiflung. Ich war schon immer stolz und meistens zu stolz nach Hilfe zu fragen, aber plötzlich abhängig von meinem Freund zu sein, der nun gewisse Dinge für mich übernahm, das war ich nicht gewohnt. Ich fühlte mich klein, jeden Tag ein weniger kleiner. Und auf meinem Freund lastete mehr Verantwortung, mehr Arbeit. Frustrierend auf beiden Seiten.

Diese Alltagssituationen haben eigentlich nichts mit einer Beziehung zu tun, aber in einer binationalen Beziehung kennt sich einer aus im Land und der andere ist neu. Der eine fühlt sich wohl, der andere springt ins kalte Wasser. Der eine lebt sein altes Leben, der andere kommt an und hat nichts. Unerfüllte Erwartungen und Missverständnisse werden Alltag.

Südafrika ist generell so anders. Es ist nicht Europa. Alles was ich in 23 Jahren gelernt hatte, war plötzlich nichts mehr Wert. Was Zuhause so einfach war, funktionierte jetzt anders herum.

Eine Lösung? Für mich ist Kommunikation die Lösung. Darüber reden. Dem Partner erklären wie man sich fühlt und ehrlich sein. Wenn man die gleiche Sprache spricht oder sehr erfahren ist in seiner zweiten Sprache, dann ist das auch kein Problem. Leider spricht er kein deutsch und mein Englisch war am Anfang noch sehr ausbaufähig. Oft sagte ich Dinge, die nicht dem entsprachen, was ich wirklich empfand, aber ich kannte keinen besseren Ausdruck um meine Gefühle zu beschreiben. Oft sagte ich Dinge, die verletztend sind.

_MG_9079

Da saßen wir nun und versuchten über Probleme zu reden, die wir beide noch nicht wirklich lokalisieren konnten in zwei Sprachen, die wir beide nicht beherrschten.

Zurückblickend ist es so einfach. Aber wer gesteht sich in dem Moment schon gerne ein, dass man eigentlich nur mit sich selbst frustriert ist und man selbst ein Problem hat mit dem man nicht klarkommt? Es ist immer einfacher, erst einmal nach einem Schuldigen zu suchen. Und wer eignet sich da besser, als der Mensch, der einem am nähsten ist?

Ich landete in einer Welt die ich nur vom Reisen kannte. In einer Welt, die ich nicht verstand. Ich dachte ich bin erwachsen und komme alleine klar und plötzlich fühlte ich mich wieder wie ein Kind, fast nutzlos. Niemand verstand mich oder meine Ängste und Probleme.

Wir verstehen Menschen, wenn wir verstehen, wie sie aufgewachsen sind. Welche Erfahrungen sie im Leben gemacht haben.

Am aller besten verstehen wir sie aber, wenn wir die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Auf die gleiche Art und Weise aufgewachsen sind. Wir sind deutsch. Wir waren im Kindergarten. Dann in der Grundschule. Viele von uns sind dort schon alleine mit dem Bus, der Bahn hingefahren oder zu Fuß hingelaufen. Dann gehen wir auf eine weiterführende Schule und unser größtes Problem sind andere Jungs und Mädchen, die Hausaufgaben, was wir mal werden wollen, wenn wir groß sind, Noten, doofe Lehrer, was die beste Freundin gestern über mich gesagt hat, bin ich etwas zu dick? Dann irgendwann haben wir das Schulthema durch, sind auf einem Selbstfindungstripp, was will ich machen, wer bin ich, wo studieren, was arbeiten, Geld, Karriere, Prestige. Irgendwie machen wir das ein oder andere alle mal durch in Deutschland und verstehen es, wenn unser Partner davon redet. Wir haben diese vielen kleinen Schubladen, in die wir einen Mensch in Deutschland schnell stecken können. Wir haben eine Idee, wer uns da gegenüber sitzt, auch wenn wir uns gerade erst kennen gelernt haben. Er wusste nicht, wie es ist deutsch zu sein.

Und ich verstand nicht was es heißt Südafrikaner zu sein!

_MG_7833

Bis er zur Universität ging, musste er aus Sicherheitsgründen immer zur Schule gefahren werden. Bis er 12 war, wurde das Haus in dem er lebte drei mal ausgeraubt. Schon im Kindesalter ist das Thema “Sicherheit” immer anwesend. Er gehörte zum ersten Jahrgang, der nach der Apartheid in eine gemischten Schule ging. Aufwachsen mit dem Thema Rassismus ist Alltag für Menschen in Südafrika. Zur Schule gehen in einem Land, in dem Bildung nicht selbstverständlich ist auch. Eltern die zwischen Reich und Arm schweben, in einem Land in dem man an einem Tag alles verlieren kann. Schulwechsel. Handel mit Schulbroten um etwas Taschengeld zu verdienen. Mit 12 hatte er seine erste Geschäftsidee, mit 17 seine ersten Angestellten, mit 23 war er nach zwei Versuchen in der Selbstständigkeit und abgeschlossenen Studium das erste Mal insolvent. Seine Eltern weit entfernt in Australien, seitdem er 17 war. Ab dann kämpfte er härter und härter und all das machte ihm zu dem erfolgreichen Menschen, der er nun ist. Für Emotionen und Selbstfindung bleibt in dieser Welt wenig Zeit. Eine Welt, in der man mit echten Problemen kämpft. Problemen wie Altersvorsorge, medizinische Versorgung und eine korrupte Regierung, Gewalt, Kriminalität.

Irgendwie traf ich, dieses Weichei auf diesen Kämpfer. Eine Frau voller Emotionen auf einen Mann, dem es wichtig ist, erfolreich zu sein um auf die Menschen aufzupassen, die ihm am Herzen liegen. So einen Mann an meiner Seite zu haben machte mich stolz, aber ich fühlte mich noch kleiner. Ich nahm meine eigenen Probleme und Gefühle nicht mehr ernst, weil ich so stark sein wollte wie er. Desto mehr ich meine eigenen Gefühle unterdrückte umso kleiner fühlte ich mich allerdings. Ich musste lernen, dass ich und meine Probleme immer noch wichtig sind. Das auch meine Ansichten richtig sind, geformt von einer anderen Welt in der ich nun nicht mehr lebe.

Binationale Beziehung, was heißt das also? 

  • Zwei Sprachen. Worte die unterschiedliches bedeuten, Unfähigkeit zur Kommunikation
  • Zwei verschiedene Kulturen
  • Verschiedene Erfahrungen und unterschiedliche Arten aufzuwachsen
  • Frustration
  • Verständnis aufbringen
  • Über den eigenen Schatten springen
  • Wachsen und lernen, jeden Tag

Wachsen und lernen, jeden Tag!

IMG_1294

Genau das musste ich tun. Mich annehmen wie ich bin. Meine eignen Stärken wiederentdecken. Bereit sein Fehler zu machen und mich dafür nicht mehr verstecken. Die Sprache besser lernen. Die Kultur besser kennenlernen und ein Teil davon werden. Akzeptieren, dass meine Emotionen mir wichtig sind und ich nie ein südafrikanischer Mann sein werde. Wieder glücklich werden um eine glückliche Beziehung zu führen.

Es dauerte ein Jahr bis ich ankam. Bis ich über alles was passiert war lachen konnte. Bis ich wusste, dass ich nun in dieses Land gehöre und ein Teil davon geworden bin. Bis ich endlich am Telefon die 154 verschiedenen Akzente verstehen konnte. Und so tränenreich und schwer dieses erste Jahr war, ich könnte nicht dankbarer sein für diese Erfahrung! Heute verstehe ich unterschiedlichste Kulturen und Menschen, heute stresst mich nicht mehr viel, meine Version von heute ist stärker als ich jemals sein wollte.

Und unsere Beziehung? Die ist krisenerprobt und endlich voller Worte, wie der Fels in der Brandung und hält nun beide Länder aus, Deutschland und Südafrika!

DCIM100GOPRO

 

One thought on “Binationale Beziehung oder “Verrückt werden an der Seite eines Südafrikaners”

  1. Ach Anke, der Text ist so schön! Über all diese Dinge habe (weil ich nie musste) ich mir nie Gedanken gemacht, deswegen ist der Text außerdem noch richtig interessant und informativ 🙂 Danke dafür, dass du uns so an deinem/eurem Leben teilhaben lässt!

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s